Erstes Kapitel
Seit sechs Wochen lebte Franz Margis, der Maler, jetzt in dem kleinen Badeort Sankt Lüne. Er genoß das Alleinsein, fern von seiner Frau und den Kindern. Es war herrlich, so losgelöst zu sein, in aller Stille morgens mit einigem Raffinement die Nerven auf die Arbeit einzustellen, dem Bogen nachzugeben, wie er sich gerade spannte: für vier, für sechs Stunden, für den ganzen Tag bis zur Dämmerung. Dann aber wieder waren die Abende da, mit denen er nichts anfangen konnte. Hin und wieder konnte man spazierengehen, möglichst dem Sonnenuntergang aus dem Wege, den alle Menschen pflichtgemäß bewundern gingen. Ein wenig durch das Gehölz streifen. Aber nicht zu oft, denn diese Mischung von wildem Krüppelholz und sauberer Promenade, diese aufgeputzte Dürftigkeit fiel auf die Nerven. Gleich hinter St. Lüne wurde es anders. Da begann die Steilküste mit den dunklen Wäldern, die auf einmal jäh abrissen und mit weißem Dünenhang zum Meer hinunterstürzten. Aber gerade in St. Lüne konnte er hoffen, diese wundersame Meerstimmung zu fassen und künstlerisch zu bewältigen. Diese großartige Öde von Strandhafer, im Wind frierenden Kiefernstämmen, ohne pathetische Linien, ohne steile Hänge, ohne den Hintergrund dunkelblauer Forsten und fetter Felder mit roten Dörfern darin – gerade das reizte ihn. Gerade deshalb hatte er beschlossen, einmal einen ganzen Sommer lang, ohne Familie, hierherzugehen. Und