Der rote Korân
Ein Haupthaar der Geliebten ist stärker als hundert Rosse. Mitternachtstille. Alte Blätter aus meinen Orientfahrten rascheln mir zwischen den Fingern. Fast riechen sie nach Blut und Brand, denn sie sind hastig und wirr beschrieben das Jahr nach dem großen Christenmord in Syrien. »Auge der Welt« nennen die Dichter die große Stadt am Bárada. Und dieses Auge allein hatte Sechstausend sterben sehen. Vierzehntausend rettete 'Abd-el-Kadr, der Marabut … Mitternachtstille. Die rechte Beschwörungsstunde. Kreuzlein wachsen aus den Blättern in meinen Händen, vertraute Namen drängen aus den Zeilen. Fast scheu durchsucht mein Auge die dämmerverschleierten Winkel der Stube. Schauer überrieseln mich … Es wird unheimlich, zudringlich lebendig in meinem Erinnern, und wie aus Schachttiefen rufen Stimmen, die mich leise erschüttern … Wie die Schatten, fremdartig und doch traut, einander zuschwanken, sich wieder abstoßen, um endlich zu einem Totenzuge anzutreten, der eines Spangenberg-Pinsels würdig wäre! Und mit schmerzender Unverwandtheit schauen sie mich beim Vorbeiziehen an, als wollten sie fragen: Weißt du noch? – Ob ich noch weiß! So blutwarm leben sie mir heute noch, als hätten sie erst gestern meinen Weg gekreuzt. Sie haben für mich Form, Farbe, Seele nie verloren. Stehet auf! Du, Lady Jane Elisabeth, so fesselnd in deiner schrankenverachtenden Abenteuerlichkeit, Schêch Mischoël, du