Der Rosenkavalier
Es war in Wien, nach einem Bankett, bei dem der siebzigste Geburtstag eines weithin bekannten Schriftstellers gefeiert worden war. Der ehrwürdige Jubilar befand sich in gehobener Stimmung. Mit siebzig Jahren ist man nicht mehr allzu wählerisch. Man nimmt dankbar an, was einem gereicht wird, und hofft, daß die »Jungen«, die, die jetzt gerade auf der Spitze des Berges stehen, von dem man bereits ein beträchtliches Stück hat abwärts wandern müssen, es nicht merken, wie minderwertig und geringfügig die veranstalteten Huldigungen sind. Zu den ganz Großen hatte der Jubilar nie gehört; nie zu jenen, die einen Vorsprung vor der Zeit haben, weshalb die Menschen oft Jahrzehnte brauchen, um sie verstehen zu lernen oder sich zum mindesten an sie zu gewöhnen. Denen geht's im Alter gut. Sie erleben bei lebendigem Leibe die Apotheose und kommen nicht mehr dazu, ihre ihnen literarisch zugesicherte Unsterblichkeit zu überleben. Der Gefeierte aber hatte mitten in seiner Zeit gestanden, hatte mit seiner Zeit gedacht und gefühlt, weshalb sein Ruhm mit dieser Zeit gestorben war. Er war vernünftig. Nachdem er, um die Aufmerksamkeit der Jungen zu erzwingen, einen vergeblichen und sehr bedenklichen Versuch gemacht hatte, modern zu werden, hatte er sich ruhig auf sein Altenteil zurückgezogen. Darüber war er siebzig Jahre alt geworden. Man fühlte sich verpflichtet, ihn als »literarische Antiquität« zu