Der Wilderer und der König
Ein schöner Herbsttag neigte sich seinem Ende zu. Die Sonne gleißte im Westen auf den Gletschern und Firnen der Alpenriesen und spiegelte sich im Wasser des Gießbachs, der hastig und in weiten Sätzen von der östlichen Höhe sprang. Hell und getragen verklang ein Lied von der Höhe ins Tal hinab. Kraftvolle, schmiegsame Töne der Zither hallten ihm nach, bis sich zwei tiefbraune, faltenreiche und wetterharte Hände behutsam auf die summenden Saiten legten. Die beiden Sänger, ein siebzigjähriger Mann und ein siebzehnjähriges Mädchen, strahlten vor Freude an ihrem eigenen Gesang. Aus ihren Augen blitzte das fast kindliche Vergnügen über das Echo, das der Jodler an den gegenüberliegenden Felswänden wachrief. Sonntägliche Ruhe lag unten im Tal wo sich schon die Abendnebel zusammenzogen, und sonntäglich war auch die Sennerin gekleidet, die neben der Tür der Almhütte am Holzstoß lehnte und dem Zither spielenden Alten fröhlich zunickte: eine schlanke, doch kräftige Älplerin in kurzem Rock aus rot- und blaugestreiftem Zeug. Über den schmalen Hüften trug sie einen glanzledernen Gürtel, an dem einige Schlüssel hingen. Das gebräunte Gesicht verriet festen Willen, aber auch von Herzen kommende Güte. Das dunkle Haar war in zwei lange, schwere Zöpfe geflochten; um die Stirn und an den Schläfen hatten sich einige widerspenstige Kräusel befreit und krönten nun wie ein Diadem das frische Angesicht.