Chapter

Der neue Pygmalion

Der Baron Werner saß nachdenkend am Theetisch, seiner Tante Cordula gegenüber. Das Gespräch mußte wichtige Dinge betreffen; denn auf den Wangen der alten Dame lag eine hohe Röthe, auch goß sie in der Zerstreuung Arrak statt der Milch in ihre Tasse. Da die Reden bejahrter Frauenzimmer so bald nicht enden, kann es uns vielleicht gelingen, noch etwas von ihren Worten zu hören. Welcher Eigensinn, lieber Vetter! rief sie. Warum willst du nicht wenigstens den Versuch machen, Fräulein Lucianen kennen zu lernen? Der Vater ist dein Nachbar, die Tochter hat den Ruf des klügsten und sittsamsten Mädchens; es gäbe eine Partie, welche man nicht schöner wünschen könnte. Wie lange wirst du noch einsam unter deinen Ahnenbildern umhergehn? Du stehst in den Dreißigen; es ist die höchste Zeit, dich zu vermählen; das habe ich dir oft gesagt, und sage es auch heute. Du verlässest dich auf mich, weil du mich noch hast; weil du jetzt Ordnung in deinem Hause siehst, denkt dein Leichtsinn nicht weiter. Vetter, ich bin alt, und meine Flüsse im Haupte werden mir einmal unversehens ein Ende machen. Dann stehst du allein, und wirst es zu deinem Schaden merken. Ach, gönne mir doch die Freude, die Hälfte der Wirthschaftssorgen noch bei meinen Lebzeiten auf jüngere Schultern legen zu dürfen, damit ich, wenn ich sterbe, sicher seyn kann, daß dein Vermögen ordentlich zusammengehalten wird. Denn ohne Frauen sind

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