Der gestrandete Segler
Greifswalder Oie: eine kleine flache Insel südlich von Rügen, ein bescheidenes Helgoland der Ostsee — ganz bescheiden. Zum Teil steil abfallende Ufer, ein halbes Hundert Bewohner, im Sommer einige Badegäste. Am Abend des 9. Juli beginnt die Geschichte des wächsernen Napoleon. Oder — hätte ich sie besser nennen sollen: »Der Scharfrichter von Nürnberg, Johann Saltsieder«? Ja — das begann so mit bleigrauem Himmel und völliger Windstille. Wir saßen abends neun Uhr auf Fischer Schluderjans umgekipptem alten Boot, und Schluderjan »vertellte« Seeerlebnisse. Harsts Zigarren weckten seine Phantasie ins Ungemessene. So wie Jan Schluder log, log noch keiner, der dreißig Jahre Seemann gewesen. »Heit’ jist et wat,« sechte Schluderjan und kaute am Zigarrenstummel. »Et jist’n Orkan, die Harrens — wetten?« »Lieber nicht!« meinte Harald. »Aber ne Zigarre sollen Sie noch haben, Schluder… Da — bitte.« Der Siebzigjährige, ein prachtvolles Modell eines Fischergreises, nahm mit den teerbeklexten Händen die Zigarre. »Et jist wat, von wejen meine Elefantennarbe… Hei sticht und rumort, die Narbe…« erklärte er im Tone einer Pythia und streichelte den linken Oberschenkel, wo die Elefantennarbe saß. Wir kannten sie. Sie existierte. Nur daß sie vom Stoßzahn eines Elefanten herrührte, war Schwindel. Schluderjan hatte diese Elefantenjagd nämlich nach Australien, ins wildeste Innere, verlegt, weil er eben