Der Lindenbaum
Vor längerer Zeit hielt ich mich einige Jahre hindurch in einer kleinen Stadt auf und war dort an einen alten Herrn empfohlen, der ein Studiengenosse meines Vaters gewesen war. In dem Hause dieses Mannes ging ich aus und ein und genoß dort viel Freundlichkeit. Herr Doktor Lindow war ein stattlicher und jovialer Sechziger und ein großer Natur- und Gartenfreund, der herrliche Blumen und köstliches Obst zog, und sein Garten, der sich in glücklicher südlicher Lage in Terrassen zu einem kleinen See hinabsenkte, war im Sommer und Herbst ein wahres Füllhorn köstlicher Dinge. Als ein Wunder erschien es mir immer, was durch kluge Ausnutzung des Raumes aus einem verhältnismäßig kleinen Fleck Erde alles erzeugt werden kann. Am Ende des Gartens befand sich auf einer kleinen Erhöhung eine mächtige Lindenlaube, die auf den stillen, von Schilf und Weiden umkränzten See sich öffnete, und dort saß ich eines schönen Abends im August in heiterem Gespräche mit dem alten Herrn, der an jenem Tage besonders aufgeräumt war. Vor uns auf dem Tische stand eine mächtige Schale mit köstlichen Pfirsichen, Reineclauden und Aprikosen, in den Gläsern schimmerte eine vorzügliche Sorte von Rheinwein, und ringsum ertönte in den stillen Abend hinein das fröhliche Getöse spielender Kinder, der Enkel und Enkelinnen meines Gastfreundes. Unter diesen war ein zwölfjähriger Junge, der sich durch große körperliche