Der Abschied
Am letzten Morgen war der See still wie ein Spiegel. Eva stand früh auf und ging allein zum Wasser, barfuß durch das taunasse Gras, so wie damals. Das Wasser war kalt und klar, und als sie hineinstieg, spürte sie, wie etwas von ihr abfiel — nicht die Jahre, nicht die Fehler, sondern die Angst davor, sie anzusehen.
Sie hatten in dieser Nacht alles gesagt, was zu sagen war. Kais Wut, Suses Trauer, Martins Reue — alles lag nun offen auf dem Tisch, zusammen mit den leeren Flaschen und den Zigarettenkippen, die Suse heimlich geraucht hatte, weil sie in Gegenwart dieser drei Menschen wieder siebzehn war, mit allen Sehnsüchten und allem Schmerz.
Als sie ihre Koffer packten, umarmten sie sich, und diesmal war die Umarmung anders. Nicht die höfliche Geste des Vortags, sondern etwas Echtes, etwas, das weh tat und gleichzeitig heilte. Eva wusste, dass sie sich vielleicht nie wiedersehen würden — das Leben hatte die Angewohnheit, Menschen auseinanderzutreiben, die einander zu gut kannten. Aber als sie in den Mietwagen stieg und das Haus im Rückspiegel kleiner werden sah, fühlte sie zum ersten Mal seit zwanzig Jahren etwas, das sie fast vergessen hatte: die Erleichterung der Wahrheit und den leisen, bitteren Frieden des Loslassens.