Die Nacht Am See
Es war Kai, der als Erster die Grenze überschritt. Nach der zweiten Flasche Wein, als die anderen von ihren Berufen und Kindern erzählt hatten, als wären es Schutzschilde, lehnte er sich zurück und sagte: Können wir aufhören, so zu tun, als wäre alles in Ordnung? Können wir einmal, ein einziges Mal, ehrlich sein?
Die Stille, die folgte, war wie das Einatmen vor einem Sprung. Suse war die Erste, die sprach. Sie erzählte von ihrer Scheidung, nicht die offizielle Version, die sie ihren Eltern und Kollegen erzählt hatte, sondern die wahre — dass sie ihren Mann nie geliebt hatte, dass die ganze Ehe ein Versuch gewesen war, dem Mädchen zu entkommen, das sie an diesem See gewesen war, dem Mädchen, das sich in die falsche Person verliebt hatte und zu feige gewesen war, es auszusprechen.
Martin stand auf und ging zum Wasser. Eva folgte ihm, weil sie spürte, dass er nicht allein sein wollte, auch wenn er es behauptete. Am Ufer, unter einem Himmel voller Sterne, sagte er ihr, was er ihr vor zwanzig Jahren hätte sagen sollen — dass er damals eine Entscheidung getroffen hatte, die ihr beider Leben verändert hatte, eine Entscheidung, die er als Vernunft verkleidet hatte, die aber in Wahrheit Angst gewesen war, reine, nackte Angst vor dem Glück, das er nicht verdient zu haben glaubte.
