Der Letzte seines Stammes
Novelle von Fanny Lewald. Es ist, seit die Dampfwagen und Dampfschiffe die Welt durchsausen, eine ganz neue Art des Reisens unter die Menschen gekommen. Sie sind aus Maßlosigkeit sehr genügsam geworden. Sie sehen das Meer, die Gebirge, die Flüsse, die ausgedehnten Eisenbahnlinien, auf denen die lange Reihe der Wagen sich wie eine geflügelte Riesenschlange dahin bewegt, sie sehen breite Landstraßen, große Städte mit hervorragenden Monumenten, Gebäuden und Gasthöfen, und kleinere Städte und Dörfer mit etwas kleineren Gasthöfen, aber sie sehen das Alles nur wie aus der Vogelperspective. Sie behalten die Physiognomie eines Mitreisenden im Gedächtnisse, dessen Namen sie nicht wissen, lernen den Namen eines Andern kennen, von dem sie nicht viel mehr als eben den Namen erfahren, sie kennen die Einrichtung, die Preise, die Wirthe und Kellner in den Hotels, sie haben verschiedene Kirchen und Gallerien durchlaufen, verschiedene Berge und Thürme erklettert, und ist dann die Reise zurückgelegt, so haben sie Nichts gewonnen, als eine Reihe von äußeren Anschauungen und von Vorstellungen, welche sie sich vollkommen eben so gut und weit weniger beschwerlich und kostspielig in einem Panorama und durch eine illustrirte Zeitung hätten aneignen können. Sie bringen es zu einer Gesammtanschauung, wie das Geographiebuch sie dem Schüler giebt, zu einigen Privatansichten, die zum großen Theile falsch