Erstes Kapitel
An der Anhöhe über dem Dorf Haldenegg steht an der Straße, die ins Bergland führt, das große, holzgeschindelte Bauernhaus »zum Freihof«, früher als vortreffliches Gasthaus weit bekannt. Mit vielen klaren Fenstern und einer Holzgalerie, auf der in der schönen Jahreszeit rotblühende Geranienstöcke nicken, schaut es unter einem breiten Dach hervor sonnig und behäbig in die Landschaft, bis auf ein fernes Stück Bodensee. Vor dem Haus saß eine Gesellschaft junger Stickerinnen, die sich bei Gertrud, der Tochter des Freihöflers, freundschaftlich zusammengefunden hatten. Sie trugen die für den Werktag übliche Halbtracht des Berglandes, den dunklen, in kleinen Vierecken gemusterten Rock, das mit silbernen Röschen geschmückte Mieder, den gestreiften, blühweißen Brusteinsatz, im Haar den Silberpfeil. Eifrig ließen sie die blitzenden Nadeln durch den in runde Rahmen gespannten Musselin fahren. Den Blumen, die sie stickten, wuchsen die Blätter, den Vögeln die Flügel. Lange Zeit hörte man nur den Ruf eines Finken, der seinen Jubel aus den noch unbelaubten Zweigen eines Apfelbaumes in den schönen Tag sang. Es war linder März. Am Himmel zogen die Silberschiffe der Frühlingswolken, und auf der großen Wiese blühten die ersten Schlüsselblumen und die stahlblauen Enzianen. Da schritt auf der Straße der Senne Hanstöni heran, der im Herbst, Winter und Frühling in Haldenegg, im Sommer auf den Alpen