Chapter

Der Kuß des Ungeborenen

Der kurzgeschorene Laufjunge des großen Aktienunternehmens trug eine enganliegende, mit zwei Reihen Messingknöpfe verzierte Uniform, auf der man, da sie grau war, kein Stäubchen sehen konnte. Er öffnete die Tür zum Zimmer, wo fünf Schreibmaschinistinnen saßen und fünf Maschinen klapperten, lehnte sich lässig an den Türpfosten und sagte zu einer der Damen: »Nadeschda Alexejewna, Frau Kolymzew bittet Sie ans Telephon.« Er lief fort. Seine Schritte waren auf dem grauen Filzteppich, der im schmalen Korridor lag, unhörbar. Nadeschda Alexejewna, ein schlankes, schöngewachsenes Mädchen von etwa siebenundzwanzig Jahren, mit sicheren und ruhigen Bewegungen und einem tiefen, klaren Blick, wie er nur Menschen, die viel gelitten haben, eigen ist, schrieb die Zeile zu Ende, erhob sich ruhig von ihrem Platz und ging ins Vestibül zur Telephonzelle. Im Gehen fragte sie sich: »Was ist schon wieder los?« Sie war es schon gewohnt, daß, so oft ihr ihre Schwester Tatjana Alexejewna schrieb oder sie ans Telephon rief, es in ihrem Hause irgendein neues Unglück gab: entweder war eines der Kinder erkrankt, oder der Schwager hatte Unannehmlichkeiten im Dienst, oder es gab irgendeine Affäre mit den Kindern in der Schule, oder es herrschte schließlich äußerste Geldnot. Nadeschda Alexejewna fuhr jedesmal mit der Trambahn ln die entfernte Vorstadt und half oder tröstete, so gut sie es konnte. Die Schwester

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