Chapter

Der Korsetten-Fritz

Ich bin der Sohn eines protestantischen Pfarrers. Ich wuchs in einem ganz kleinen Städtchen auf. Wir waren vielleicht achthundert Seelen. Jedes kannte das andere; fast bis auf die Gedanken. Von früh auf leitete mein Vater selbst meine Erziehung; ich mußte Lateinisch lernen, wogegen sich mein Kopf, wie gegen ein exotisches Gift, sträubte. Die sicherste und intensivste Erinnerung aus dieser Zeit ist ein gewisser Zustand, eine Disposition meines Kopfes, eine Art psychischer Anfall, der mich jedesmal in der Kirche überraschte. Mein Vater predigte ganz anders, als er zu Hause sprach. Auf der Kanzel hatte er eine plärrende, heulende Redeweise, zu Hause war er knapp, bestimmt, koramisierend. So befand ich mich in der Kirche einer ganz anderen Persönlichkeit gegenüber. Und die Wirkung war eine ganz neue. Kaum hatte die Gemeinde mit ihrem Rockgeräusch sich auf die Bänke niedergelassen, kaum erfüllte das geistliche Geheul meines Vaters widerprallend mit doppeltem und dreifachem Echo das kleine Gotteshaus, so war meine Seele entflohen. Und auf mir nur zu bekanntem Weg, und immer auf demselben, lief sie fort, und trieb sich umher, und suchte etwas, und lief auf die Dörfer in der Umgebung und wollte überall eindringen, in die Häuser, durch die Fenster der Menschen, in die Schränke, ja sogar in die Menschenleiber, und wollte überall horchen, und suchen, und spähen, ohne zu wissen, was! Das

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