Chapter

Der kluge Scheikh

Ein Sittenbild aus Nordafrika Den Schwestern Gerhardine Rickert und Theo Schmücking in Verehrung L. J. Scheikh Hamed war seit einigen Tagen sehr mißgestimmt. Das Kußkussuh, das seine alte Mutter Aïscha so trefflich zuzubereiten verstand, hatte er nur zur Hälfte aufgegessen, obschon die Fürsorge der Alten es so stark gepfeffert hatte, daß es ihm fast die Kehle zerschnitt. Und gestern war ihm beinahe Etwas zugestoßen, was einer schweren Sünde gleichkam. Als die Sonne hinter den mächtigen Palmenbäumen in die Wüste gesunken war, stieg der Mueddin auf das Minaret, pflanzte die weiße Fahne auf und pries in näselndem Lobgesang den Schöpfer und Muhamed, seinen Propheten. Beinahe hätte er, der fromme Muselmann, das Gebet des Mueddin überhört, er, der Scheikh, der sich selbst rühmte, ein direkter Nachkomme des Propheten zu sein! Seine alte Mutter war gestern mit verschobenem Turban in die Kniee gesunken und ein paar Augenblicke in dieser Haltung geblieben, wie ein Christ, ein richtiger Christ – Allah verderbe sie, dachte Hamed bei sich – weil ihr Sohn, der große und mächtige Scheikh von El Kantarah sich so hatte vergessen und vor lauter Schläfrigkeit das Gebet des heiligen Mueddin hatte überhören können! Was war nur mit ihm? O, sie wußte es genau! Vor zwei Monden war er aus Biskarah zurückgekehrt, aus dieser gottlosen Stadt, wo jeder Muselmann inmitten des Lärms und der Vergnügungen der

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