Der kleine Nazarener
Da seht Euch das einmal an, Cordula«, sagte er bei seinem Eintritt in ihre Stube, nachdem er sich die Füße sorglich auf der Strohmatte gereinigt hatte. Er legte seinen Hut auf den Tisch und begann ein Paket aufzuknüpfen, das eine grobe Sackleinwand umhüllte. Cordula Ryckboer gewahrte einen sauber zusammengefalteten violetten Talar, den sie aber nicht alsogleich auseinandernahm. Ihre Hände strichen vielmehr bebend und zart darüber hin, wie über einen geweihten, heiligen Gegenstand. »Ach,« sagte sie, »man würde fast meinen, das sei das Gewand unseres Heilands.« Ivo Mabbe blickte sie nur lächelnd an und nickte mit seinem langhaarigen Kopfe, mit einem merkwürdigen Ausdruck von ernster, salbungsvoller Andacht. Seine Augen unter den hohen, bogenförmigen Augenbrauen waren von Demut, Träumerei und Selbstgefälligkeit erfüllt. »Ja, freilich ist es das Gewand unseres Herrn,« bestätigte er. »Bei der letzten Prozession war noch nicht der geringste Schaden daran, und jetzt, seht nur selbst, da ist ein Loch, daß man den Finger durchstecken könnte.« Nun neigte sie sich vornüber, denn sie war größer als er, nahm den Stoff in die Hand, faltete ihn auseinander und hielt zwischen ihren Fingern ein Gewand, das für einen Mann von Ivos Größe eigens geschaffen schien. Er zeigte ihr mit dem Finger den Riß im Rückenteile gerade unterhalb des Gürtels. Sie trat an eines der beiden Fenster der Stube. Eben