Der Pflasterstein An Der Tuer
Theo konnte schon immer hören, woran sich Steine erinnerten.
Es war kein lautes Hören. Steine schrien nicht. Sie summten, so wie ein altes Radio in einem stillen Zimmer summt. Wenn man sehr still und lange auf einem Stein saß, konnte man — Theo hatte kein anderes Wort dafür — die *Schicht* dessen wahrnehmen, was der Stein gehört hatte.
Der Pflasterstein an der Tür von Sankt Anna war Theos Liebling. Er war älter als das Dorf. Er war schon dort gewesen, als das Dorf noch eine Hütte war. Jede Hochzeit war über ihn getragen worden. Jede Beerdigung. Jede Taufe, auf den Armen. Der Stein summte mit den Namen Dutzender Menschen, Namen aus vielen Jahrhunderten, Namen, an die sich heute niemand sonst im Dorf erinnerte.
Theo hörte den Steinen von Sankt Anna zu, seit er sieben war. Er wusste vom Kapellenstein in der Seitenwand, der ein Teil einer älteren Kapelle gewesen war, die eingestürzt war. Er wusste vom Herdstein im Pfarrhaus, der Teil eines römischen Bades gewesen war. Er wusste von den kleinen Steinen in der Friedhofsmauer, von denen jeder vor zweihundert Jahren von einem anderen Dorfbewohner herangetragen worden war, als die Mauer zum ersten Mal gebaut wurde.
Theo erzählte niemandem, dass er Steine hören konnte.
Dann verkündete die Kirchengemeinde an einem Morgen im Oktober, dass die Sankt-Anna-Kirche abgerissen werden würde.
Das Dach hielt nicht mehr. Die Reparaturen waren