Der Holzgraf
Eine oberbairische Geschichte. Von Herman Schmid. Der Frühling des Jahres 1811 hatte bald und vielverheißend begonnen; er schien zu wissen, welche Fülle von Frucht und Segen er auszustreuen habe für den reichen Sommer, der nach ihm kommen sollte. Selbst in dem sonst winterlichen Thale an der Ammer war er so anmuthig und mild eingezogen, als gälte es nicht, eine späte Kornsaat vorzubereiten, sondern selbst auf den unwirthlichen Felszacken des Kofelberges den Saft in edle Reben emporzutreiben und Kometenwein daraus zu brauen. Der Abend vor dem Sonntag Exaudi ging besonders glänzend zu Ende, die Berge dem Kofel gegenüber standen im Wiederschein der Abendröthe, die sich über die Thalfläche gegen Unterammergau hin ausgebreitet hatte und in den Wellenkrümmungen der Ammer widerschien – darüber hinaus begann es schon zu dunkeln und die schwache Halbsichel des wachsenden Mondes hing im Blauen, als wär’ es eine riesige Laterne, an einem der Felsgiebel ausgesteckt, um den Arbeitern zu leuchten, deren wuchtige Axt und Hammerschläge noch weithin schallten durch das ruhende Thal. Zu den Häusern von Oberammergau war es die ganze Dorfgasse hinaus schon stille geworden, nur hie und da hörte man aus einer Stube betende Stimmen, hie und da sah man durch ein erleuchtetes Fenster noch einen Bildschnitzer an der Werkbank sitzen und an einem Figurchen basteln, das noch fertig werden sollte. Das