Der Heß und sein Buch
Der Heß, der nicht weit von meinem Pfarrhaus wohnt, ist nicht allein ein vorzüglicher Musikant, der die Fiedel streicht, daß einem das Herz lacht, und der auf einem x-beliebigen leeren Milchhafen Posaune blasen kann, daß sein Häuschen wackelt – er versteht auch die edle Schneiderkunst aus dem ff, ist dazu ein halber Tier- und Menschenarzt, der oft mehr weiß als ein ganzer, hat für jeden seiner Langenbacher Mitbürger und zu Zeiten auch für mich, seinen Nachbar, den Pfarrer, einen guten Rat bereit und ist absolut verschwiegen. Ich kenne ihn seit vielen Jahren. Schon ehe ich selbst ins Dorf kam, wußte ich von ihm. Man würde sich wundern müssen, woher der Heß alle seine Weisheit und Vielseitigkeit habe, wenn es nicht allgemein bekannt wäre, daß er ein Buch hat, in dem alles drin steht. Sobald jemand zu ihm kommt und ein Anliegen vorbringt, tut er nicht neunmalgescheit, als ob er sich alles aus den Fingern sauge, sondern er schiebt sacht die Brille in die Höhe, leckt mit der spitzen Zunge rasch an der Oberlippe, die immer ein wenig schlecht rasiert ist und sagt bescheiden und bedächtig: »Wart no, Hannesle,« oder »wart no, Gretle, do muß i' g'schwind in mei'm Büechle gucke.« – Und dann geht er in seine Kammer nebenan. Man hört ihn einen knarrenden Truhendeckel heben, hört das leise Knistern von umgeschlagenen Blättern, murmelndes Lesen in langen Pausen, hört auch wohl einen Seufzer