Die Platinuhr
1. Kapitel. Die Platinuhr. Sam Baer galt mit Recht für den besten Uhrmacher im nördlichsten Viertel der Milwaukee-Avenue. Das uralte Haus, in dem er seit vielen Jahren wohnte, war sein Eigentum und sein Stolz. Über der Haustür hatte Sam unter dem Firmenschild ein zweites anbringen lassen, das in goldenen Buchstaben berichtete, daß dies das einzige Gebäude der Setter-Street sei, das von dem Riesenbrande Chicagos in diesem Stadtviertel durch Gottes Wohlwollen verschont geblieben. Allerdings hatte es im Oktober 1871, als die ungeheure Feuersbrunst das alte Chicago zerstörte und ein völlig neues, modernes entstehen ließ, in der Milwaukee-Avenue lediglich Holzhütten, Ställe, Bretterhütten und ähnliche bescheidene Bauten gegeben, unter denen Sam Baers Ziegelsteinpalast damals wirklich wie ein Palais sich ausnahm. Doch Chicago wuchs und wuchs im Riesentempo, sogar die Setter-Street erhielt einen Wolkenkratzer mit zwölf Stockwerken, und der greise Sam Baer haßte nichts so sehr wie diesen Skyscraper, den man ihm da vor die Nase gesetzt hatte und dessen Lichtreklame abends seine Vorderzimmer mit giftgrünen gleitenden Schatten erfüllte. Der alte Sam, seit langem Witwer und völlig vereinsamt, da seine Kinder und Enkelkinder in alle Winde verstreut und sehr reich geworden waren, mochte wohl in vielem ein Sonderling sein, aber seine Ehrenhaftigkeit war über jeden Zweifel erhaben. An einem