Chapter

Erstes Kapitel

In meinen hier folgenden Aufzeichnungen und den sonstigen, auf meine Bitte von den anderen Beteiligten gelieferten Berichten habe ich, der damalige Erste Staatsanwalt Johannes Sigrist, noch einmal, nach einem Jahrzehnt, die Erinnerung an die einstigen zehn Stunden Margot Sandners zwischen Leben und Tod heraufbeschworen. Das Geheimnis jener blutigen Winternacht ist längst gelöst. Der graue Herr ist wieder dahin gegangen, woher er kam. Übrig bleibt für uns alle – und namentlich für mich, den Hüter des Gesetzes – der ewige Warnungsspruch: »Irren ist menschlich.« * Draußen auf der Straße riefen es die Zeitungsverkäufer immer wieder im ersten Dämmern des Frühlingsabends: »Margot Sandners letzte Stunden!« Es klang eintönig und aufreizend und fiel einem auf die sonst starken Nerven: Ihre letzten Stunden – die verdankt sie dir ... Ich bin der Staatsanwalt. Ich war der öffentliche Ankläger! Ich habe nur meine verfluchte Pflicht und Schuldigkeit getan, nach bestem Wissen und Gewissen! Ich habe das Todesurteil gegen Margot Sandner beantragt und durchgesetzt. Morgen früh ... um sechs ... ich sah auf die Uhr: es war jetzt acht Uhr abends. In zehn Stunden ... Wieder aus der Ferne dies Gebell der Straßenhändler. Es war sonst in unserer Großstadt gar nicht üblich, so wie in den Weltstädten, die Blätter öffentlich auszuschreien. Das war heute die allgemeine Aufregung in der ganzen Stadt. Man

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