Erstes Kapitel
Im Spätherbst des Jahres 1930 ging ein Mann über das verlassene französische Lager, das früher ein deutsches gewesen war und sich zwischen der hessischen Hauptstadt, umschließenden Tannen- und Birkenwäldern und dem großen Sande dahinzieht. Es nieselte langsam vom Himmel herunter, der Mann schlug den Kragen der Jacke hoch und rückte das Kappenschild noch tiefer in die Stirne. Auf den breiten Kasernenstraßen, die durch leere Barackenreihen, an Stallungen, Vorratshäusern und Kantinen vorüberführten, wuchs dichtes, grünbraunes Gras, das jeden Schritt verschluckte und den Wandernden wesenlos wie eine Traumgestalt machte, die, wenn sie auch rufen würde, von niemand gehört werden könnte. Noch vor kurzem hatten hier Feuerwerker aus Koblenz und Ludwigshafen den Übungsplatz abgesucht und die Blindgänger, Handgranaten und letzten Depots gesprengt – die Erde war damals zerstampft und der Himmel von dem Echo jener dumpfen Schläge erfüllt gewesen, die bis in das Ried hinein und noch weiterhin spürbar waren. Jetzt aber herrschte Stille, eine blöde Taubheit gleichsam, die sich wohl noch der Töne erinnert, doch so sehr mit ihnen gesättigt ist, daß sie nichts mehr vernehmen kann. Manche Fensterscheibe war da und dort durch die Erschütterung eingefallen und starrte gezackt wie ein schwarzer Stern aus der bröckelnden Mauerfüllung; der rostigen Angel enthoben, hing eine morsche Tür schief zu der