Das Verschwinden
Winterberg war eine Stadt, in der nichts geschah — bis an einem Dienstag im Januar der Bürgermeister verschwand. Sein Wagen stand noch auf dem Parkplatz vor dem Rathaus, der Motor kalt, die Tür unverschlossen. Auf dem Beifahrersitz lag seine Aktentasche, ordentlich verschlossen, als hätte er vorgehabt, sie mitzunehmen, und es sich im letzten Moment anders überlegt.
Georg Falk war nicht zufällig in Winterberg. Er war gekommen, weil ihn die Frau des Bürgermeisters zwei Wochen zuvor angerufen hatte — nicht wegen des Verschwindens, das damals noch nicht passiert war, sondern wegen der anonymen Briefe. Briefe ohne Absender, ohne Poststempel, die morgens im Briefkasten lagen und immer dasselbe enthielten: ein Datum und einen Geldbetrag, beides durchgestrichen.
Die Polizei behandelte den Fall als Routineangelegenheit, einen gestressten Politiker, der sich eine Auszeit genommen hatte. Aber Falk kannte die Statistiken, und er kannte den Blick in den Augen von Frau Winterberg — den Blick einer Frau, die wusste, dass ihr Mann nicht freiwillig gegangen war.