Der Fall von Millbank
Theodor Wing hatte – soweit man wußte – keinen Feind in der Welt. Er war ein Mann von etwa vierzig Jahren, seinem Beruf nach Rechtsgelehrter und bereits für das Richteramt einer Grafschaft in Vorschlag gebracht worden. Er war unverheiratet geblieben, doch gab es im Städtchen noch so manche, die sich seinetwegen Hoffnungen machte, und unter den Jungfrauen Millbanks war kaum eine zu finden, die nicht zuweilen ein gütiges Wort oder ein Lächeln für ihn übrig gehabt hätte. Mitglied der Kirche war er freilich nicht, aber man erzählte sich, daß der Geistliche des Ortes milde über den Fall hinwegblickte, da Wing regelmäßig den Gottesdienst besuchte und für kirchliche Zwecke jederzeit Geld übrig hatte, was – wie einige boshafte Zungen behaupteten – bei manchem ordentlichen Kirchenmitgliede durchaus nicht der Fall war. Wings Wohnhaus lag in der River Road, gerade auf dem Kamme des sogenannten Parlin-Hügels. Er war vor Jahren, als noch der alte Parlin an der Spitze des Hauptrichteramtes gestanden hatte, als junger Student von irgendwo im Osten nach Millbank gekommen, war dann in der Kanzlei des Alten nacheinander erster Assistent, Juniorteilhaber und endlich voller Teilhaber geworden, um schließlich, als der Alte starb – wie man sich erzählte, aus Enttäuschung darüber, daß er es nicht bis zum Grafschaftsrichter zu bringen vermochte – zum alleinigen Inhaber der Kanzlei aufzurücken und sie