Chapter One
# Kapitel Eins: Die Nachtwandlerin
Lena Berger glaubte nicht an Elfen. Sie glaubte an die Dewey-Dezimalklassifikation, an Leihfristen und an die beruhigende Ordnung alphabetisch sortierter Karteikarten. Sie war Bibliothekarin an der Wiener Stadtbibliothek, und ihre Welt bestand aus Papier, Stille und dem leisen Klicken der Tastaturen im Lesesaal.
Aber der Stadtpark bei Nacht war eine andere Welt. Sie hatte es zum ersten Mal bemerkt, als sie nach einer Spätschicht durch den Park nach Hause ging und die Bäume sich bewegt hatten—nicht im Wind, sondern zueinander hin, als flüsterten sie. Das Gras unter ihren Füßen hatte silbern geleuchtet, und zwischen den Eichen waren Gestalten aufgetaucht: schmal, blass, mit Augen wie geschmolzenes Bernstein.
"Du kannst uns sehen," hatte der größte von ihnen gesagt, und es war keine Frage gewesen. "Der Wald stirbt, Menschenkind. Etwas frisst unsere Wurzeln. Wir brauchen jemanden, der lesen kann, was in den alten Büchern steht—jemanden aus deiner Welt." Lena hatte geschluckt. Dann hatte sie getan, was jede gute Bibliothekarin tun würde: Sie hatte nach der Signatur gefragt.