Der Dornauszieher - 1. Kapitel: Winter
1. Kapitel. Winter. … Er steht auf meinem Schreibtisch. Wenn Sie mich mal besuchen, können Sie ihn sich ansehen. Er ist genau 32 Zentimeter hoch, mit Sockel, aus weißem Marmor, den der Zahn der Zeit oder der Tabakrauch leicht gelblich verfärbt hat. Es ist ein Knabe, der auf einem Baumstumpf in holder Nacktheit sitzt, den linken Fuß auf den rechten Schenkel gelegt hat und sich einen eingetretenen Dorn auszieht. Es ist also die bekannte Marmorfigur … Bei Wertheim kostet sie vielleicht dreißig Mark, vielleicht auch weniger. Ich weiß es nicht, denn ich habe den Dornauszieher nicht gekauft, sondern gestohlen. Regelrecht gestohlen. Wenn Sie zu mir kommen, werde ich Sie darauf aufmerksam machen, daß der Sockel aus zwei Platten besteht, die ich, als sie sich voneinander gelöst hatten, sehr prosaisch mit Syndetikon1 wieder zusammengekleistert habe. Kommen Sie aber bitte erst im übernächsten Monat zu mir, denn dies hier schreibe ich 2100 Meter über dem Meeresspiegel in Telemarken in Norwegen auf dem Haukeli-Plateau in der Haukeli-Hütte. — »Es ist lange, lange her …« sagte Harald, als wir in Skien in Norwegen den Zug verließen. »Wir sind vor vier Jahren zum letzten Mal hier gewesen, und das war im Sommer. Jetzt im Januar werden wir kaum den Dampfer bis Dahlen benutzen können und in den Schleusen schwitzen — ach nein!« Und er belachte seinen billigen Witz und deutete auf die Schneemauern