Der Primiztag
Es ist lange her, wohl in die sechzig Jahre. Die erste Frische eines thauigen Augustmorgens lag auf dem weiten Thale, in dessen Mitte der Innstrom aus den Tirolerbergen lustig blitzend heranbrauste; drüben am andern Ufer stieg aus dem buschigen Vorland das Wildkaiser-Gebirge mit seinen vielzerklüfteten, kahlen und wettergrauen Felsschrofen wie eine trotzige Grenzmauer empor, während herüben anmuthiges Bergland, abwechselnd mit grünen Matten, gelben Saatfeldern und dunklen Waldstreifen, sich immer höher und höher hinanzog, bis, dem Nachbar gegenüber beinahe ebenbürtig, der Wendelstein sein ruhiges Haupt so fest und klar in die wolkenlose sonnenschimmernde Morgenbläue hinauftrug, als wär’ es das eines Wächters, der mit dem ersten Strahle auf seinem Posten ist, das schöne Gelände zu überschauen, das sich ihm vertrauend an die Felsenbrust geschmiegt. So früh es war, regte es sich doch schon allenthalben im Dorfe und in den Gesang der Schwarzamsel, die aus dem Laubdach eines Geheges von Apfelbäumen hervorpfiff, mischte sich der Klang fröhlicher Menschenstimmen; lachende oder singende Töne, die in den Kehlen wach zu werden schienen, wie in den Zweigen die Vögel. Die Thüren der Häuser öffneten sich schon; dort trat der Bauer heraus und blickte mit wohlgefälligem Lächeln und Nicken nach dem Prachtwetter, das sich zum Feste gemacht hatte und wohl auch auf ein paar Tage länger für den