Die Wahrheit
Markus ging zu keinem der beiden Treffen. Stattdessen saß er in seiner Wohnung, an dem Tisch, an dem er sonst seine Berichte schrieb, und tat etwas, das er in fünf Jahren nie getan hatte: Er schrieb die Wahrheit. Alles, von Anfang an, ohne Beschönigung, ohne Auslassung, ohne die sorgfältige Dosierung von Informationen, die sein ganzes Leben bestimmt hatte.
Er schrieb über die Rekrutierung, über den Tag, an dem Schreiber ihm erklärt hatte, was von ihm erwartet wurde, und über den Tag, drei Monate später, an dem Nadia ihm dasselbe erklärte, nur von der anderen Seite. Er schrieb über die Informationen, die er weitergegeben hatte, über die Agenten, die dadurch enttarnt worden waren, über den Mann in Warschau, der seinetwegen verschwunden war und von dem niemand mehr sprach. Er schrieb dreißig Seiten, und als er fertig war, druckte er sie dreimal aus — einmal für den BND, einmal für Nadia, einmal für die Süddeutsche Zeitung.
Am nächsten Morgen gab er alle drei Umschläge auf. Dann rief er Katja an und sagte ihr, dass er kein Versicherungsmakler war, und erzählte ihr alles, während sie schwieg, und als er fertig war, schwieg sie immer noch, und er hörte, wie sie weinte, leise und ohne Vorwurf, und er wusste, dass dies das letzte ehrliche Gespräch seines Lebens sein könnte — und dass es das erste war, das zählte.