Die Handschrift
Tobias fand die Handschrift an einem Freitagabend, eingeklemmt zwischen zwei Bänden mittelalterlicher Astronomie in der Sondersammlung der Universitätsbibliothek Heidelberg. Er war eigentlich wegen etwas anderem dort — einer Dissertation über Rechenmethoden des zwölften Jahrhunderts, die ihn seit zwei Jahren beschäftigte und die sein Doktorvater bereits höflich als ambitioniert bezeichnet hatte, was in akademischen Kreisen eine Warnung war. Das Buch, das zwischen den Astronomie-Bänden steckte, war nicht katalogisiert. Es hatte keinen Titel, keinen Autor, keine Signatur. Nur Seiten aus Pergament, beschrieben in einer Tinte, die im Neonlicht des Lesesaals schimmerte wie Öl auf Wasser.
Die ersten Seiten waren in Latein verfasst, schlecht und fehlerhaft, als hätte jemand die Sprache benutzt, ohne sie wirklich zu beherrschen. Aber ab der siebten Seite änderte sich alles. Die Schrift wurde kleiner, präziser, und die Sprache wechselte zu etwas, das Tobias nicht einordnen konnte — es sah aus wie Mathematik, aber die Symbole gehörten keinem System an, das er kannte. Keine arabischen Ziffern, keine römischen, keine griechischen Buchstaben. Und doch erkannte er, mit dem Instinkt eines Programmierers, der seit seinem sechzehnten Lebensjahr Code schrieb, die Struktur: Schleifen, Bedingungen, Variablen. Jemand hatte vor achthundert Jahren einen Algorithmus niedergeschrieben.
Er