Der chaldaische Zauberer
Ein Abenteuer aus dem Rom des Kaisers Diocletian. Von Ernst Eckstein. Es war im zweihundertneunundneunzigsten Jahre der christlichen Zeitrechnung. Ein wolkenloser Octobertag war eben zu Ende gegangen; hinter dem weitgestreckten Kamm des Berges Janiculus glühte der Abendhimmel; auf den Plätzen aber und Straßen wogte die Bevölkerung der Weltstadt bereits durch ein bläuliches Zwielicht, und gelbrothe Lampen glänzten rauchumqualmt aus den Tabernen der giebelreichen Subura. Vom querquetulanischen Thore herkommend, bog ein Jüngling, die weiße Toga über den Schultern, in die cyprische Gasse ein. Die Art seines Dahinschreitens hatte etwas Befremdliches. Bald nämlich stürmte er hastig vorwärts, wie ein Mensch, der ungeduldig einem längst ersehnten Ziele entgegenstrebt; bald sah er sich zögernd um, oder blieb einige Sekunden lang stehen, als ob’s ihn gereue. An den Bädern des Titus vorüberkommend, gewahrte er eine andere Jünglingsgestalt, die von links her, wo eine Seitengasse in den Vicus Cyprius einlief, gesenkten Hauptes auf die Lavaplatten des Dammes trat und, nur wenige Ellen von ihm entfernt, die gleiche Richtung verfolgte. Näher zuschauend, erkannte er in den blassen Zügen des Ankömmlings einen Freund. Fast anderthalb Monate hatte er den liebenswürdigen Lucius Rutilius nicht zu Gesicht bekommen; denn die Lebensführung der Beiden war eine grundverschiedene. Wenn Rutilius, der Sohn