Chapter

Chapter One

# Kapitel Eins: Die Kommode Die Kommode stand seit sechzig Jahren im Dachboden des Hauses in der Tübinger Altstadt, und Hannah Vogt hätte sie wahrscheinlich nie geöffnet, wenn sie nicht nach den alten Weihnachtskugeln gesucht hätte. Es war eine schwere Eichenkommode mit Messinggriffen, die Schubladen klemmten, und in der untersten, hinter einem Stapel vergilbter Zeitungen, lag ein Brief. Er war datiert auf den 12. März 1945. Die Handschrift war klein und gleichmäßig, die Tinte braun geworden, und er begann mit den Worten: *Meine liebste Else, wenn Du diesen Brief findest, bin ich entweder tot oder ich habe den Mut gefunden, Dir die Wahrheit zu sagen. Beides erscheint mir heute Abend gleich wahrscheinlich.* Hannah las den Brief dreimal. Dann setzte sie sich auf den staubigen Dachboden und weinte, nicht weil die Geschichte traurig war—obwohl sie das war—sondern weil Else ihre Großmutter gewesen war, und weil der Mann, der den Brief geschrieben hatte, nicht ihr Großvater war.

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