Chapter

I.

Der »lange Tag« ging zu Ende. Nur noch eine knappe halbe Stunde war es bis Sonnenuntergang, dann durften die Gläubigen wieder »anbeißen«. In dem kleinen, an der nordbayrischen Grenze gelegenen Marktflecken, dessen schindelgedeckte Hütten und Häuser von den lieblichen Höhen des Spessart umrahmt werden, schritt der Kantor und Vorbeter Perez Mandelbaum an der Seite seines einzigen Sohnes dem von seiner Familie seit fast einem Jahrhundert bewohnten Gehöfte zu. Die Unbill, die er und die Seinen samt allen Mitgliedern der kaum sechzig Seelen zählenden jüdischen Gemeinde jahraus, jahrein von Seiten der etwa sechstausend Köpfe starken bäuerlichen Bevölkerung des Städtchens zu erdulden hatten, sie war heute vergessen. Denn am großen Versöhnungstage verzieh man seinem Feinde und machte Frieden mit seinem Widersacher. Und nun gar er, der eben den Samen dieses Friedens und dieser Versöhnung ausgestreut hatte in die Herzen seiner Gläubigen! Wie ein wahrer Rabbi kam er sich in dieser Stunde vor. Nicht wie ein simpler Kantor und Vorbeter, der kaum im Talmud zu lesen verstand, der keine Studien und kein Examen hinter sich hatte. Nein, wie einer, der da wandelte über die Hügel Moria und Zion, wie einer, der da lehrte im Vorhof des Tempels und in den Schulen, ein Eiferer im Gesetz der Väter, ein Verkünder der Propheten, der Perez Mandelbaum auch in der Tat all sein Leben Tag und Nacht war. In

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