Der blaue Schatten: Nie sollst du mich befragen …
Die Dame, die am 3. August, abends elf Uhr, zu uns kam, hatte vorher angerufen und zur Bedingung gemacht, daß wir nicht nach Namen, Stand und Art fragen und ihr auch nicht heimlich folgen sollten. Die Stimme war, obwohl durch den Fernsprecher leicht verzerrt, süß und melodisch und deutete auf ein sehr junges Geschöpf hin. Sie betonte, sie spräche von einer öffentlichen Telephonzelle aus, sie selbst besäße keinen Apparat, sie sei bettelarm und könnte uns lediglich herzlich danken, falls wir ihr helfen wollten. »… Ich habe das Grauen in einer Form kennen gelernt, die an die phantastischen Geschichten Edgar Poes erinnert … Ich lebe in einer Umgebung des Grauens und der bittersten Not und dunkler Rätsel, vielleicht wie ein helles Stiefmütterchen, das die Willkür des Schicksals in eine Grabkammer verpflanzt hat, — — darf ich also kommen?« Der, die uns besuchen wollte, versprach ich Verschwiegenheit und Rücksichtnahme. Sie möge getrost kommen. Mein Freund sei die Güte selbst, und damit sie sich nicht vor uns Männern scheue, würden wir Haralds Mutter mit hinzuziehen und im halbdunklen Garten sitzen unter der Riesenkastanie in bequemen Rohrsesseln. — Sie kam um elf den Weg am Laubengelände entlang und schlüpfte durch die Hinterpforte, verschleiert und in einen leichten, weiten Mantel gehüllt, der nur ihre plumpen derben Schuhe und billige, sauber gestopfte Seidenstrümpfe sehen ließ.