Karl Kerstens Tagebuch
Der Federkiel, mit dem ich schreibe, stammt von einer Wildgans, die ich vor drei Tagen erlegt habe. Die Tinte ist jedoch nicht eigenes Erzeugnis. Und das Papier ...? Es ist grobfaserig, vergilbt und gehört mit zu den Sachen, die ich ... Doch nein! Wo ich es fand, will ich erst später an geeigneter Stelle erwähnen. Alles, was ich bisher erlebt habe, soll der Reihe nach erzählt werden. Ich bin heute nach meiner Rechnung haben wir den 8. oder 10. Mai 1908 genau fünfzehn Jahre zwei Monate alt. Mein Name ist Karl Gottfried Reinhold Kersten. Ich stamme aus Hamburg. Dort wohnten meine Eltern, die ein Ausrüstungsgeschäft für Seeleute besaßen, zuletzt in der Hafengasse. Dieses "zuletzt" war der 15. April 1907, der Tag, an dem ich heimlich davonlief. Wie bitter habe ich diesen Ungehorsam und diese Eigenmächtigkeit bereuen müssen ... In einer der ältesten deutschen Seestädte dicht an den riesigen Lagerhäusern von Weltfirmen aufgewachsen, deren Schiffe hier jeden Tag mit kreischenden und rasselnden Winden und schreienden Arbeitern ihre Ladungen löschten, von Jugend an auf der breiten Elbe im Ruder- und Segelboot zu Hause, nicht minder auf den großen, am Bollwerk vertäuten Fahrzeugen aller Art, wurde meine Phantasie bereits als Kind durch die Erzählungen der in unserem Geschäft verkehrenden Seeleute von den Schönheiten fremder Länder stark angeregt und in mir die Sehnsucht nach dem Meere