Chapter

Kapitel I

Der Rathsherr Wernher stand vor dem venetianischen Spiegelglase, knüpfte die zierlichen Quästlein an der feinen Halskrause zusammen, und blinzelte, in seinem Gott vergnügt, seitwärts zum Fenster hinaus, in den hellen Sonntagsmorgen; strich sich dann behaglich den sauber geschornen Knebelbart, und lächelte noch behaglicher. »Sollte man es denken« – sprach er endlich für sich und stemmte die Arme in die Seite – »sollte man denken, daß ich heute vor sechszig Jahren aus dem Ei geschlüpft sey? Sehe ich nicht so frisch und blühend aus, als wäre ich um zwanzig Jahre jünger? Steht nicht mein apfelgrünes Seidenwamms mit den hochgelben Schlitzen und den reich bebänderten und beschleiften Unterkleidern stattlich und groß zu meinem gesegneten Körperumfang? Sind die prächtigen karmesinrothen Strümpfe nicht über Waden gezogen, nach denen manch' junger Gugelhans mit neidischen Blicken schielt? Nichts geht über ein lebendiges, rasches Alter, und der blaue Sonntagsmorgen da draußen feiert recht fröhlich meinen Geburtstag, der, so Gott will, noch oft wiederkehren wird.« »Ja, das gebe der liebe Herrgott!« fiel des Dieners süßliche Stimme ein. »Ei, sieh' da!« tief Wernher, sich umschauend. »Du hier, Simon? So, so. Ich dachte, ich sey allein.« »Bin eben eingetreten,« entgegnete Simon und kauerte sich nieder, um dem Gebieter die rauchledernen Schuhe mit den bunten Absätzen und den gelben Laschen

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