Erster Teil
Als Florian Windmacher, der einzige Erbe des Klostergutes Reitzenau, noch die Prima der Stiftsschule zu Mirbach besuchte, lichtete sich bereits der weißblonde, unordentliche Schopf, der in selten gekämmten, bäuerischen Strähnen seine ebenso hohe wie breite Stirn überhing. Dieser unzeitige Haarschwund gab zugleich mit der gewaltig vorspringenden Nase, den blauen Augen, deren Blick von einer wild zupackenden Schärfe sein konnte, und den weitausgezogenen, dünnen Altweiberlippen seinem Gesicht eine jedem sofort bewußt werdende Ähnlichkeit mit dem allbekannten Meister einer neueren Dichtschule. Da dessen hoheitsvolle Züge damals, zur Zeit seines größten Ruhmes, in aller Gedächtnis waren, wurde Florian von manchen anfänglich für jenen genialen Künstler gehalten. Eine Täuschung, die Florian nur ungern und nach einigem Zögern geheimnisvoll lächelnd aufzuklären pflegte und die von nicht geringem Einfluß auf sein Schicksal werden sollte. Zugleich bemächtigte sich, als Florian 18 Jahre alt war, wohl als Folge heftiger Heimsuchungen um die Wende der Kindheit, seiner Gesichtsfarbe eine unvermutet plötzlich auftretende Fahlheit, die ihn um ein rundes Dutzend Jahre älter machte, als er in Wirklichkeit zählte. Von seinen Mitschülern erhielt er deshalb zu witziger Stunde den Beinamen »der lebende Leichnam«, den er, freundlich lächelnd wie stets, wenn er von unter ihm Stehenden geneckt wurde,