Erstes Kapitel
Länger als zehn Jahre hatte die Kaiserin Katharina die Zweite, welche nach der Entsetzung ihres Gemahls, des Kaisers Peter des Dritten, den russischen Thron bestiegen, die Zügel der Herrschaft über das gewaltige, von urwüchsiger Nationalkraft strotzende und so wenig erst zu innerer staatlicher Ordnung herangebildete moskowitische Reich geführt. Aller Erwartungen entgegen hatte die durch eine so gewaltsame Katastrophe auf den Thron erhobene, dem Volke fremde Prinzessin aus einem kleinen deutschen Fürstenhause Erfolge auf Erfolge errungen, und durch die Festigkeit und Klugheit, mit welcher sie alle Zuckungen der Unzufriedenheit, alle Unordnungen im Innern unter ihre willenskräftige Macht beugte, Furcht und Bewunderung in Rußland und in Europa in immer steigendem Maße erweckt. Man hatte erwartet, daß die junge Herrscherin, welche als Großfürstin von allem Einfluß auf die öffentlichen Angelegenheiten fern gehalten war, welche während der kurzen Regierung ihres unglücklichen Gemahls fast als Gefangene gelebt hatte und mit der Verstoßung in ein Kloster bedroht gewesen war, entweder schnell von den verschiedenen Parteien im russischen Reiche, welche durch ihre Thronbesteigung überrascht waren und in ihrem Sohne den einzigen Erben des Reiches erblickten, verdrängt, oder durch ihre Schwäche und Unkenntnis der Geschäfte ein Spielball ihrer Günstlinge und der fremden Diplomaten werden