Die Karte
Elias fand die Karte in der hintersten Ecke des königlichen Archivs, zwischen zwei Folianten über Bewässerungskanäle, wo sie vermutlich seit einem Jahrhundert unbeachtet lag. Das Pergament war so dünn, dass es beinahe durchsichtig war, und die Linien darauf schimmerten in einem Blau, das keiner Tinte glich, die Elias kannte. Es war eine Karte der Eisenberge, das erkannte er sofort — aber sie zeigte Dinge, die auf keiner anderen Karte verzeichnet waren.
Tunnel. Dutzende davon, ein ganzes Netzwerk, das sich durch das Gebirge zog wie die Adern eines lebendigen Wesens. Und in der Mitte, dort, wo die Berge am höchsten und die Tunnel am dichtesten waren, ein Name in einer Schrift, die Elias nicht lesen konnte, aber deren Bedeutung er instinktiv verstand: Hier liegt, was ihr vergessen habt.
Sein Meister, der alte Kartograph Wendelin, wurde blass, als Elias ihm die Karte zeigte. Er nahm sie mit zitternden Händen, hielt sie ans Licht und schwieg lange. Dann sagte er nur: Bring sie zurück, Junge. Leg sie dahin, wo du sie gefunden hast, und vergiss, dass du sie je gesehen hast. Aber seine Augen sagten etwas anderes. Seine Augen sagten: Es ist zu spät. Du hast sie gesehen, und jetzt wird sie dich nicht mehr loslassen.