Der Vollmond
Der Schwarzwald war im Winter ein anderer Ort als im Sommer. Im Sommer war er grün und freundlich, durchzogen von Wanderwegen und erfüllt vom Gesang der Vögel. Im Winter, wenn der Schnee die Pfade bedeckte und die Tannen sich unter seiner Last beugten, wurde er zu dem, was er in den alten Geschichten immer gewesen war: ein Ort der Dunkelheit und der Geheimnisse.
Ilse kannte den Wald besser als jeder andere Mensch. Seit fünfzehn Jahren war sie Försterin im Revier Kaltenbronn, und sie hatte jeden Baum gezählt, jeden Bach vermessen, jede Lichtung kartiert. Oder so hatte sie geglaubt. Denn an diesem Vollmondabend im Januar, als das Licht so hell war, dass die Schatten der Bäume scharf auf den Schnee fielen wie schwarze Schnitte, sah sie etwas, das auf keiner ihrer Karten verzeichnet war.
Zwischen zwei uralten Eichen, die so dicht standen, dass ihre Äste sich verflochten hatten, schimmerte die Luft. Es war kein Nebel, kein Dunst, kein Spiel des Mondlichts — es war ein Tor. Ein Bogen aus Licht, der zwischen den Stämmen hing wie ein Vorhang, und durch ihn hindurch sah Ilse einen Wald, der dem ihren glich und doch gänzlich anders war: die Bäume trugen silberne Blätter, und der Himmel leuchtete in einem Violett, das sie nie zuvor gesehen hatte.