Erstes Kapitel
In den Weserbergen, unweit des Bades Eilsen, liegt eine reizende kleine Ritterburg, die jetzt als Sommer- und Jagdschloß dem fürstlichen Hause Schaumburg-Lippe dient. Auf einer mäßigen Anhöhe erhebt sie sich über den Wipfelkronen prächtiger alter Eichen und Buchen; zu ihren Füßen, in der Thalschlucht, die sich nach Nordwest hinabsenkt, ruhen dunkle Weiher, die man die Hexenteiche nennt, einer über dem anderen, so schattig, so kühl, so still, von den mächtigen Aesten überhangen, von der Phaläne überflattert, an den Stellen, wo die Sonne durchbricht, ein helles Grün zeigend, neben dem um desto schneeiger die Kelche der weißen Seerosen leuchten – es ist eine Welt wie ein Waldmärchen, in deren duftige Stille von der Höhe herab die zierliche mittelalterliche Burg wie ein Traum niederblickt. Märchen und Traum … das waren wenigstens die Eindrücke, welche ein junger Mann zu empfinden schien, der – es war im Jahre 1772 – eines Abends, um die Zeit, wo der Sommer in den Herbst überzugehen beginnt, in diesem kleinen Thale hinaufschritt, auf reinlich gehaltenen Kiespfaden, die neben den Weihern emporführten. Er ging das Haupt gesenkt, die Blicke auf den Boden heftend und nicht immer der Berührung mit den grünbelaubten Zweigen ausweichend, die sich weithin über Pfad und Teich ausstreckten. Er mochte etwa achtundzwanzig bis dreißig Jahre alt sein; ein aristokratisches Gesicht mit scharfen