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Chapter

Die Suche

Martha fuhr nach Wien, weil sie die Geschichte zu Ende bringen wollte, die ihre Großmutter nicht hatte zu Ende bringen können. Die Adresse auf den Briefen führte zu einem Haus im neunten Bezirk, einem Altbau mit hohen Fenstern und einer Fassade, die einmal prächtig gewesen war und nun die Patina der Jahrzehnte trug. Eine alte Frau öffnete die Tür, und Martha wusste sofort, dass es Margarethe war, weil sie die Augen hatte, die ihre Großmutter in den Briefen beschrieben hatte — grau und klar und voller einer Traurigkeit, die kein Alter milderte. Margarethe lud Martha herein und kochte Kaffee, und sie sprachen den ganzen Nachmittag. Margarethe erzählte von der Begegnung mit Marthas Großmutter, im Sommer 1962, auf einer Konferenz in Salzburg, und von den sechs Wochen danach, die alles veränderten und nichts, weil es eine Zeit war, in der manche Lieben nicht existieren durften. Martha legte die Briefe auf den Tisch, fünfunddreißig nie abgeschickte Liebesbriefe, und Margarethe nahm sie in die Hand, einen nach dem anderen, und las sie, und ihre Finger zitterten, und ihre Augen füllten sich mit Tränen, die sechzig Jahre alt waren. Als sie fertig war, sah sie Martha an und sagte: Ich habe auch Briefe geschrieben. Sie liegen in derselben Schachtel, unter meinem Bett. Auch sie waren nie abgeschickt worden.

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