Chapter

Die Briefe

Martha fand die Briefe an einem Samstagnachmittag im April, als sie den Dachboden ihres Großelternhauses in Tübingen ausräumte. Sie lagen in einer Schachtel aus Pappe, gebündelt mit einem Seidenband, das einmal blau gewesen war und nun die Farbe von altem Staub hatte. Die Handschrift auf den Umschlägen war die ihrer Großmutter — fein und regelmäßig, jeder Buchstabe so sorgfältig gesetzt wie in einem Schulheft. Die Briefe waren nie abgeschickt worden. Jeder trug eine Adresse, jeder eine Briefmarke, aber keiner einen Poststempel. Fünfunddreißig Briefe, geschrieben über einen Zeitraum von zwanzig Jahren, adressiert an eine Frau in Wien, deren Name Martha nie gehört hatte: Margarethe Kowalski. Martha setzte sich auf den staubigen Dachboden und begann zu lesen. Die ersten Briefe waren förmlich, fast geschäftlich, als schriebe die Großmutter an eine entfernte Bekannte. Aber mit jedem Brief wurde die Sprache wärmer, persönlicher, bis sie in den letzten Briefen eine Intimität erreichte, die Martha die Luft nahm. Ihre Großmutter hatte geliebt — nicht ihren Großvater, nicht den stillen Mann mit den schweren Händen, der im Erdgeschoss gesessen und geschwiegen hatte, sondern eine Frau in Wien, die sie nie wiedergesehen hatte, an die sie nie geschrieben hatte, die sie nie vergessen hatte.

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