1. Kapitel. Die Nixe aus der Isar.
Der Mann blieb plötzlich stehen. Ganz vorsichtig stellte er die Spitze seines Bergstockes in das Geröll des Uferweges und lauschte. Sein Gehör hatte ihn nicht getäuscht. Aus dem grünen Gebüsch ertönte das verzweifelte Schluchzen einer Frauenstimme. Der Mann in dem derben Sportanzug und dem kecken Gebirgshut mit Spielhahnfeder und Edelweiß verzog den Mund zu einem harten Lächeln. Er wollte seinen Weg fortsetzen. Er blieb trotzdem. Er redete sich ein, daß nur das sanfte Murmeln und Schäumen und Quirlen der grünen Isar, die dort unten hinter dem dichten Gebüsch in ihrem felsigen Bett dahinschoß, seine Gedanken und seine Füße in Bann schlügen. Er war zu ehrlich gegen sich selbst, solche Lügen zu dulden. »Es ist dein alter, nicht auszurottender Fehler!« dachte er noch ergrimmter über die eigene Schwäche. »Mitleid, Mitgefühl, — — immer noch die verdammte Weichherzigkeit! Und dabei hast doch gerade du, dummer Jochem, in der Beziehung genug Lehrgeld bezahlt!« Mit einem höhnischen Kichern, das nicht ganz echt klang, stieß er seinen Bergstock ins Geröll und pilgerte mit seinem schweren Rucksack, über den ein verschossener Lodenmantel geschnallt war, landeinwärts den steilen Hang empor, dessen Spitze von einer Kulisse dunkler Tannen, heller Eichen und einem Gemäuer gekrönt war, das kaum mehr den Namen Ruine verdiente. Der schmale Pfad, den er mit seinen genagelten Stiefeln kraftvoll und