Chapter

Das Schachtgespenst

Kaum ist die erste Stunde des Ostertags vorüber, der erste junge Lichthauch taucht eben am östlichen Horizonte über den Dächern einer süddeutschen Stadt auf, und sein schwacher Schein mengt sich mit den fliehenden Schatten der Mitternacht, da fährt ein junges Mädchen rasch aus dem ärmlichen Bette hoch oben im engen, auf der Hofseite des stattlichen Hauses gelegenen, freundlichen und friedlichen Dachkämmerlein, wirft das Röcklein über, stellt sich auf die nackten Füße, öffnet das kleine Fenster und schaut in die frische Frühe der Dämmerung hinaus. Die reine Luft der Höhe fluthet ihr um die warme keusche Brust. Es ist ein gar holdes, freundliches Bild, dieses Mägdlein von kaum sechzehn Jahren, mit den gesundheitblühenden Wangen, noch unberührt vom Giftbrodem der großen Stadt; ihr rundes blaues Auge schaut so rein und verwundert über die Firsten und Schornsteine der Dächer. Und welch einen ungewöhnlichen Hintergrund hat das reizende Bild! Das Dachkämmerlein ist so artig aufgeputzt und so blank, wie ein neuer Schrein. An der Wand ein Hangebretchen voll Bücher, daneben eine alte aber gute Guitarre, auf der Kommode Notenhefte. Es ist unverkennbar: ein paar Musen wenigstens besuchen dieses Kämmerchen. Die hübsche Bewohnerin faltet die Hände zu einem stummen Gebet. Denn sprechen darf sie bei Leibe kein Wort. Sie weiß ja, was sie vor hat: sie will Osterwasser schöpfen. Das hat ihr die

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