Der poetische Dilettant
Ich habe mich oft gefragt, woher es komme, daß von Allen, die irgend eine der sieben freien Künste nicht als Lebensberuf, sondern nur zu ihrem Vergnügen ( por il loro diletto) betreiben, gerade die poetischen Dilettanten den unwiderstehlichen Drang fühlen, mit völlig unzulänglichen Versuchen an die Oeffentlichkeit zu treten, ohne die geringste Furcht, sich lächerlich zu machen, oder von der gestrengen Kritik gebührend heimgeschickt zu werden. Von den Unzähligen, die in ihren Mußestunden etwa ein Porträt kritzeln oder ein Landschäftchen aquarelliren, strebt Keiner nach der Ehre, auch nur im bescheidensten Winkel eines Ausstellungssaals sich unter die zünftigen Maler zu mischen, wie auch Diejenigen, die mit ihren musikalischen Talenten anspruchslose Freundeskreise erfreuen oder Vergnügen daran finden, in Liebhabertheatern mitzuspielen, kaum je sich erkühnen, in öffentlichen Concerten oder auf einer ordentlichen Bühne ihr schwaches Lichtchen leuchten zu lassen. Sobald aber ein gefühlvoller junger Mann oder ein zartes Jungfräulein ein kleines Heft mit lyrischen Versen angefüllt oder versucht hat, auf novellistischem Wege zwei Herzen glücklich zu machen, geschweige denn in stolzen Jamben den unglücklichen Konradin zum tausendundersten Mal aufs Schaffot zu bringen, ist kein Halten mehr. Die Tagesblätter und Dichterheime werden mit der Bitte um Aufnahme bestürmt, die »Novelle« wird an