Chapter

Die Zugfahrt

Darf ich das Fenster schließen?« »Aber es ist so furchtbar heiß!« »O bitte, dann auf keinen Fall . . .« Es war der Durchgangswagen Frankfurt-Kissingen. Ein Coupé zweiter Klasse. Ein sinkender Junitag. Die fernen Waldhöhen des Spessart erglühten im letzten Sonnenglanz. Ueber den blumigen Waldhang, der bis zum Bahndamm hinabstieg, strich kosend der frische Abendhauch. Der rote Fingerhut nickte müde, die hohen Blütengräser beugten sich raunend . . . Der niederrieselnde Frieden, die gliederlösende Nacht. Während der kurzen Debatte hatten sich die beiden Insassen des Coupés einen Augenblick mit feindseliger Höflichkeit angestarrt. Sie war barmherzige Schwester mit blondem Scheitel und dreisten Blauaugen, aber nicht jung und von einer sichtlichen Vorliebe für Reinlichkeit und frische Luft. Ein Mann, der keinen Zug verträgt! . . . Sie fühlte beinahe Verachtung für diesen Schwächling, der seit Stunden unbeweglich in der äußersten Ecke saß, den Kopf mit der Reisemütze gesenkt, das graue Plaid heraufgezogen. Es war noch dazu ein junger Mensch – kaum dreißig – eine schlanke Mittelfigur, mager, sehnig, in dem bartlos braunen Gesichte sprang die gebogene Nase scharf hervor. Offizier? Landwirt? – Von beiden hatte er etwas. ›Und verträgt keinen Zug!‹ . . . In dem Moment hob der Mann langsam die Augen. Schöne, heiße, kranke Dunkelaugen. »Ich werde das Fenster sofort schließen,« sagte die Dame

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