Das nackte Leben
Das also war Tetuan, die Hauptstadt der Lüste, wie Muley Hassan sie genannt, da sein Hengst vor dem Bab Tsuts brünstig zu wiehern anhub! … René hatte dem Eseltreiber bedeutet, ihn vor dem Tore zu erwarten; die bekannten Touristenritte auf stumpfsinnig geprügeltem Tier waren nicht nach seinem Geschmack. Nun schlenderte er furchtlos und gelassen durch das mittagsglutweiße Bab Aukla, die engen Handelsgassen hinaus, an der Mauer des Mellach, des Ghetto entlang nach dem Fddan, dem großen Marktplatz, nach dem anstoßenden Suk es Srah, dem Kornmarkt, am spanischen Konsulat und der katholischen Kirche zurück in die Quartiere der Gerber und Färber, der Schmiede in der hammerhallenden feilenknirschenden Hadadia, der Seidenmakler in der Hariria, der Taschner in der Sanka del Msad, der Mantelschneider in der Sanka del Mukad: – bis er endlich, nach gemächlicher Wanderung durch allerhand wohlbekanntes Gedüft, Geräusch und Gedeut, von den struppigen Straßenkötern bald bewedelt, bald scheel angefletscht, von den Händlern aus der Tiefe ihrer Lauben angerufen, vom Volk der Märkte als Franke beflüstert, den Rersa, den budenbedeckten Trödelmarkt erreichte und fand, daß dies berühmte Tetuan im Grunde auch nichts anderes und besseres sei als irgend ein mauerheißes orientalisches Nest, Aleppo oder Beirut, Haifa oder Tanger. Da droben die übliche Kasba, die Zitadelle mit den üblichen wehrlosen