Das Mädchen mit den Schwänen
An einem grimmigen Novembertage des Weltkriegjahres 1914 um die Morgenstunde war es, als dem Schulzen des armseligen Dorfes Schlagedotten, irgendwo an den Masurischen Seen, der Befehl zuging, er habe dafür zu haften, daß binnen vierundzwanzig Stunden sämtliche Einwohner ihre Wohnstätten verlassen hätten, da das Dorf zu jeder Stunde in den Schußbereich der russischen Artillerie gelangen könne. Dem harten, schwerfälligen Manne rannen zwei dicke Tränen über die zerfurchten Wangen in den Stoppelbart. Seine zahlreiche Familie war um ihn versammelt, als der Meldereiter den Befehl überbrachte, und so hatte er nicht erst nötig, ihn durch den Dorfbüttel auschellen und am Schwarzen Brett anschlagen zu lassen. Seine Kinder, seine Leute hatten in weniger als zehn Minuten die Schreckensbotschaft verbreitet, und in jedem Hause, in jeder Hütte Schlagedottens wurde das letzte Mittagsmahl durch reichliche Tränen versalzen. Freilich waren die Leute darauf gefaßt gewesen, daß der Ausweisungsbefehl kommen mußte, denn der Kanonendonner, der ihnen nun schon wochenlang tagtäglich und allnächtlich von weither in die Ohren klang, war in den letzten Tagen merklich näher gekommen, und in der letzten Nacht hatten sie am anderen Ufer ihres Sees auch schon deutlich Flintengeknatter hören können. Lange Züge von Flüchtlingen aus den Ortschaften, die der russischen Grenze näher lagen, waren ebenfalls seit