15. April 1920
Mein Tagebuch. 15. April 1920. Berlin-Schöneberg, am Stadtpark Nr ... Ich habe keine Ahnung, wie man ein Tagebuch schreibt. Aber ich muß eins schreiben. Mutti hat mir gestern zu meinem achtzehnten Geburtstag ein verschließbares Tagebuch geschenkt und gesagt: „So, Ulla, - alle jungen Mädchen führen ein Tagebuch. Den Schlüssel kannst Du stets auf dem Herzen tragen an einem Bändchen. Dann ruht der Schlüssel zu Deinen kleinen Geheimnissen dort, wo ihn niemand findet. Nun - Mama hat gut reden ! Nicht finden! Wo jetzt die halsfreien Blusen modern sind. Dann sieht doch jeder das Band, und ich glaube beinahe, der Erwin wäre frech genug, mal an dem Bändchen zu zupfen. Der ist überhaupt ungeheuer frech. Aber süß-frech. Nie unfein. Er weiß stets die richtige Grenze einzuhalten, - die, wo der Scherz aufhört und die sogenannte Zudringlichkeit oder Handgreiflichkeit anfängt. Wer Erwin ist? - Mein Kollege! Und zwar mein Kontorkollege bei der Firma Hengst & Komp., Generalvertretungen in Seife, Margarine, Schmieröl und Toilettenpapier. Ich bin erst vierzehn Tage bei den „Gäulen“, wie Erwin die Firma stets unter uns nennt, Und wir sind oft unter uns. Die beiden Chefs reisen viel. Wohin, wissen nur sie - Hengst ist nämlich ein männliches Pferd, das aber genau so aussieht, wie weibliche. Wenigstens habe ich noch keinen Unterschied entdeckt. - Daher eben sagt Erwin auch „die Gäule“, Sie heißen