Zur Einführung
»Kennen Sie den ›armen Mann im Tockenburg‹?« hab' ich wie oft gefragt; Männer und Frauen von allerlei Art. Die Antwort war fast immer: »Wer ist das?« Und doch hat man das Wenige, was wir von ihm haben, seit dem achtzehnten Jahrhundert nicht selten gedruckt; er hat Leser und Freunde gefunden, auch Bewunderer. Immer ist er wieder vergessen worden; auf seinen eigentlichen Platz in unserer Geschichte hat ihn noch niemand gestellt. Darum hat es mich oft hingerissen, in dieser oder jener Gesellschaft, die nichts von ihm wußte, mit so viel Lobpreisung von ihm zu sprechen, daß ich mich hinterdrein wohl fragte: Hast du in deinem Feuereifer nicht zu viel gepriesen? Wenn diese Aufgestachelten ihn nun lesen werden, werden sie nicht sagen: nun ja, recht hübsch, aber warum übertreibt er so? — Dann hab' ich wohl zu Haus den »armen Mann« wieder zur Hand genommen und hier und da aufgeschlagen und gleichsam mit dem Ohr dieser andern hineingehorcht. Zuletzt bin ich lächelnd beruhigt und neu gerührt wieder aufgestanden. Nein! Ich sagte nicht zu viel von ihm. Er ist ein Phänomen, ein Einziger, Unvergleichlicher. Er war kein Fabulierer, kein Fruchtbarer wie Hans Sachs, aber zehnmal mehr Poet. In dem kleinen Schatz, den er uns hinterlassen hat, sind Perlen und Rubinen. Ulrich oder Uli Braeker kam am 22. Dezember 1735 in dem Schweizer Tal zur Welt, das Tockenburg oder Toggenburg genannt wird; fast