Chapter

Vorrede

Voltaires Totenmaske ist ein Nest vielfältigen Lächelns, ein Gewebe aus Jocondas geheimnisvoller Untiefe, aus Machiavells intriganter Höflichkeit und aus verschmitzter Conciergen zahnloser Grimasse. Voltaire ist wohl ein Weib gewesen? Denn ein Mann hätte nie so unbeschränkt hassen und so unerwartet sinnlos lieben können. Voltaire war immer ganz Gefühl. Er war der Spiegel, in dem das Jahrhundert Gesichter schnitt. Und er war das Weib, das immer bewußt ist, daß man es ansieht. Er lebte seinem Instinkt. Kein Starker, der wollte, sondern der Wahre, der mußte. Freiheit war sein Lebenselement. Und Freiheit ist immer eine Temperamentssache. Der starke, der logische Mensch muß unfrei sein, da er sich irgendwo festlegt und da bleibt, wo er wurzelt. Der Tyrann ist der erste Sklave seiner Macht: sein Blick muß steinern die Gesetze bannen. Der freie Mensch dagegen ist immer der Ungehaltene, der Ungehorsame, der Rebell. 6 Und das Schönste an Voltaire ist, daß er keine Prinzipien hatte. Daß für die Menschen und Völker die Welt, in der sie leben, und vor allem sich immer so ernst nehmen, ist schuld an all ihrem Unglück. Was nutzten die zwanzig Theorien der zwanzig großen Philosophen der Welt? Haben sie den Menschen einen Deut besser gemacht? Und aus dieser Erkenntnis ward Voltaire kein Philosoph wie die andern, stellte keine Theorie auf und begnügte sich nur, die der andern unmöglich zu

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